Spezialfälle

Mehrstandort-Praxis vernetzen: VPN, SD-WAN, Redundanz

Wie Sie zwei oder mehr Praxisstandorte sicher und schnell verbinden. Bandbreite, Fernzugriff, Stolperfallen bei der Anschluss-Auswahl.

Aktualisiert am 12.05.2026Lesezeit 4 Min.

Wann sich Standort-Vernetzung lohnt

Die Frage stellt sich meist nicht theoretisch. Sie entsteht, wenn eine zweite Praxis dazukommt, wenn ein Standort zu einer Filiale wird, oder wenn Ärzte beginnen, an beiden Standorten zu arbeiten und die Patientenakten nicht doppelt pflegen wollen.

Ein gemeinsames Netz lohnt sich immer dann, wenn mindestens eine dieser Bedingungen gilt: Ärzte wechseln zwischen Standorten. Patientendaten werden an beiden Standorten benötigt. Ein gemeinsames PVS soll an mehreren Orten laufen. Abrechnung oder Verwaltung sind zentralisiert.

Was sich nicht lohnt: eine Verbindung einrichten, ohne vorher zu klären, welches PVS wie mit mehreren Standorten umgeht. Nicht jedes PVS ist für Mehrstandort-Betrieb konzipiert. Turbomed unterstützt es, iSynet auch, bei Medistar gibt es Varianten. Wer eine Verbindung in Betrieb nimmt, ohne das PVS-Verhalten zu kennen, erlebt Überraschungen bei der ersten gemeinsamen Abrechnung.

VPN, SD-WAN und MPLS im Vergleich

VPN (Site-to-Site)SD-WANMPLS (Standleitung)
Pro
  • Günstigste Lösung, läuft über vorhandene Internet-Anschlüsse
  • Bewährt, von allen gängigen Praxis-Routern unterstützt
  • Verschlüsselung nach aktuellem Standard (IPsec, WireGuard)
  • Einfach skalierbar auf weitere Standorte
Pro
  • Aktive Steuerung: kritischer Datenverkehr bekommt Vorrang
  • Automatisches Failover zwischen mehreren Leitungen
  • Gut geeignet für Praxen mit Bildgebung oder Videokonsultation
  • Zentrale Verwaltung aller Standorte aus einer Oberfläche
Pro
  • Dedizierte Bandbreite, nicht geteilt mit anderem Datenverkehr
  • Garantierte Latenz durch Service Level Agreement
  • Höchste Stabilität für zeitkritische Anwendungen
Contra
  • Qualität abhängig vom Internet-Provider an beiden Standorten
  • Kein garantiertes Latenz- oder Bandbreiten-Niveau
  • Probleme bei schlechter DSL-Qualität an einem Standort
  • Keine automatische Lastverteilung zwischen mehreren Leitungen
Contra
  • Höhere Hardware- und Lizenzkosten
  • Komplexere Konfiguration, braucht IT-Betreuung
  • Überdimensioniert für kleine Zweipraxis-Verbünde
Contra
  • Deutlich teurer als VPN oder SD-WAN
  • Lange Bereitstellungszeiten (oft 6 bis 12 Wochen)
  • Für typische Praxisverbünde fast immer überdimensioniert
  • Selten noch neue Angebote von Providern

Für die meisten Praxisverbünde mit zwei bis vier Standorten ist ein gut konfiguriertes site-to-site VPN über Glasfaser die richtige Wahl. SD-WAN lohnt sich, sobald Bilder oder Video regelmäßig übertragen werden oder mehr als zwei Leitungen koordiniert werden müssen.

Redundanz: Internet und Hardware

Eine Praxis-Vernetzung ohne Redundanzplanung ist eine Vernetzung mit einem geplanten Ausfalltermin.

Internet-Redundanz: Jeder Standort braucht mindestens zwei Wege ins Netz. Die erste Wahl ist Glasfaser, die zweite ist LTE. Ein Router mit Dual-WAN-Unterstützung überwacht beide Verbindungen dauerhaft und schaltet innerhalb von 30 bis 60 Sekunden auf LTE um, wenn die Glasfaser ausfällt. LTE-Backup erreicht in städtischen Gebieten 50 bis 150 Mbit/s, für den Notbetrieb ausreichend.

Hardware-Redundanz: Router und Switches an zentralen Standorten sollten redundant ausgelegt oder zumindest als Ersatzgerät vorrätig sein. Ein Switch, der ausfällt und dessen Ersatz eine Woche Lieferzeit hat, kostet mehr als eine vorgehaltene Ersatz-Hardware.

VPN-Redundanz: Bei site-to-site VPN sollte das Backup-Gerät am Hauptstandort automatisch einspringen, wenn der primäre VPN-Endpunkt ausfällt. Das konfigurieren wir als Hot-Standby: Gerät B übernimmt sofort, ohne manuelle Eingriffe.

Fernzugriff sicher gestalten

Ärzte, die von zuhause oder zwischen Standorten auf das PVS zugreifen, sind eine legitime Anforderung. Aber ein schlecht gesicherter Fernzugriff ist einer der häufigsten Einstiegspunkte für Angreifer in Praxisnetze.

  1. VPN-Client statt offene Ports
    Der Zugriff auf das PVS läuft ausschließlich über einen VPN-Client, nicht über offene RDP-Ports ins Internet. Offene RDP-Ports werden von automatisierten Scannern weltweit innerhalb von Minuten gefunden.
  2. Zwei-Faktor-Authentifizierung einrichten
    Jeder Fernzugriff auf das VPN benötigt neben Passwort einen zweiten Faktor, entweder ein TOTP-App-Code oder ein Hardware-Token. Das ist ab §75b Klasse 2 Pflicht.
  3. Gerätezertifikat oder Geräteliste
    Nur vorab registrierte Geräte (Laptops, Tablets) erhalten eine VPN-Verbindung. Ein gestohlenes Passwort allein reicht dann nicht aus.
  4. Zugriffsprotokoll führen
    Jeder Fernzugriff wird protokolliert: wer, wann, von welcher IP. Das Protokoll liegt 90 Tage vor und ist bei einer §75b-Prüfung auf Anfrage vorzulegen.

Quelle: KBV IT-Sicherheitsrichtlinie (§75b SGB V)KBV IT-Sicherheitsrichtlinie §75b: Anforderungen an Fernzugriff und Authentifizierung.

Typische Bandbreiten-Anforderungen

Bandbreite ist keine Konstante. Was ausreicht, hängt davon ab, wie viele Nutzer gleichzeitig aktiv sind und welche Daten übertragen werden.

Kostenrahmen, Orientierungswerte
PraxisSetup einmaligPauschale monatlich
Kleine Außenstelle
VDSL oder schwaches Glasfaser reicht als Primärleitung
2 bis 4 Nutzer, kein Bild, PVS-Daten25 Mbit/s symmetrisch
Mittlerer Standort
Glasfaser empfohlen, LTE als Backup
5 bis 15 Nutzer, gelegentlich Bildgebung50 bis 100 Mbit/s symmetrisch
Großer Standort oder Hauptsitz MVZ
Glasfaser Pflicht, SD-WAN prüfen
mehr als 15 Nutzer, regelmäßig Bildgebung, Videokonferenz200 Mbit/s oder mehr symmetrisch
Dialysezentrum oder OP-Zentrum
QoS-Konfiguration für Gerätedaten-Traffic notwendig
Gerätedaten-Echtzeitübertragung, MonitoringJe nach Gerätezahl, mindestens 100 Mbit/s

Orientierungswerte. Die tatsächliche Pauschale berechnet ITCC nach Infrastrukturanalyse.

Die Werte sind Orientierungswerte. Die tatsächlich benötigte Bandbreite messen wir im Rahmen der Standort-Analyse mit einem Netzwerk-Monitor, der den realen Datenverkehr über eine bis zwei Wochen aufzeichnet. Das Ergebnis ist belastbarer als jede Faustformel.

Häufige Fragen

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