TI und Konnektor

Medizinische Informationsobjekte (MIOs) in der Arztpraxis: Impfpass, Mutterpass und Untersuchungsheft digital über die ePA führen

Wie Arztpraxen die MIOs Impfpass, Mutterpass und Kinderuntersuchungsheft strukturiert über die ePA führen: Stand 2026, PVS-Umsetzung und was heute zu tun ist.

Aktualisiert am 28.10.2026Lesezeit 10 Min.

Impfpass, Mutterpass und das gelbe U-Heft liegen in fast jeder Praxis noch auf Papier. Das soll sich ändern: Als MIOs, also medizinische Informationsobjekte, werden diese Pässe zu strukturierten Datenbausteinen der elektronischen Patientenakte. Dieser Artikel erklärt, was ein MIO ist, welche für die Arztpraxis zählen, auf welcher gesetzlichen Grundlage sie beruhen und, ehrlich eingeordnet, was heute schon geht und was noch nicht.

Was ein MIO ist und warum es kein PDF ist

Ein MIO (Medizinisches Informationsobjekt) ist ein kleiner, standardisierter digitaler Datenbaustein für die elektronische Patientenakte (ePA). Er speichert medizinische Informationen nicht als Bild oder PDF, sondern strukturiert und maschinenlesbar nach einem festgelegten Format. Dadurch lassen sich die Daten durchsuchen, weiterverarbeiten und von einem System ins andere übernehmen.

Der Unterschied ist für den Praxisalltag entscheidend. Ein eingescannter Impfpass ist ein Bild: Man kann ihn ansehen, aber das PVS weiß nicht, dass dort eine Masernimpfung mit einer bestimmten Chargennummer vom 12. März steht. Ein MIO Impfpass dagegen zerlegt genau diese Angaben in definierte Felder. Das PVS kann daraus den Impfstatus berechnen, an Nachholungen erinnern oder eine Charge im Rückruffall rückverfolgbar machen.

MIOs sind damit das semantische Rückgrat der ePA. Erst sie machen aus der Akte als Dokumentensammlung eine Akte, mit der Systeme tatsächlich rechnen können. Das Konzept stammt von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die operative Umsetzung übernimmt die eigens dafür gegründete KBV-Tochter mio42 GmbH.

Quelle: gematik (ina): Medizinische Informationsobjekte (MIO)MIOs sind standardisierte digitale Informationsbausteine der ePA, strukturiert und maschinenlesbar, im Gegensatz zu nicht weiterverarbeitbaren PDF-Dokumenten.

Die gesetzliche Grundlage: § 355 SGB V

MIOs sind kein Industriestandard, sondern ein gesetzlicher Auftrag. Nach § 355 SGB V hat die KBV die Aufgabe, die semantische und syntaktische Interoperabilität für die Inhalte der elektronischen Patientenakte festzulegen. Vereinfacht: Sie bestimmt verbindlich, in welcher Struktur welche medizinischen Daten in der ePA abgelegt werden. Genau diese Festlegungen sind die MIOs.

Semantische Interoperabilität bedeutet, dass alle Systeme dasselbe unter einem Datum verstehen, syntaktische, dass sie es im selben technischen Format austauschen. Nur so lässt sich ein Impfeintrag aus Praxis A verlustfrei in Praxis B oder in der Apotheke weiterverwenden. Die KBV stützt sich dabei auf internationale Terminologien wie SNOMED CT, damit die Daten auch über Systemgrenzen hinweg eindeutig bleiben.

Für die Praxis ist die Rechtsgrundlage vor allem eine Zusicherung: Was heute als MIO spezifiziert wird, ist nicht die Lösung eines einzelnen Herstellers, sondern ein einheitlicher, verbindlicher Standard, an den sich alle PVS halten müssen. Wer heute strukturiert dokumentiert, arbeitet damit in die richtige Richtung.

Quelle: KBV: Medizinische Informationsobjekte (MIO)Das Konzept der MIOs stammt von der KBV, die damit dem gesetzlichen Auftrag nach § 355 SGB V folgt. Für die Umsetzung hat die KBV die mio42 GmbH gegründet.

Welche MIOs für die Arztpraxis zählen

Für die niedergelassene Versorgung sind vier sogenannte Start-MIOs am wichtigsten: der Impfpass, der Mutterpass, das Kinderuntersuchungsheft (U-Heft) und das Zahnbonusheft. Sie bilden genau die Pässe ab, die Patienten heute noch auf Papier mit sich tragen. Daneben werden weitere MIOs wie Patientenkurzakte, Laborbefund und Krankenhaus-Entlassbrief entwickelt.

Jedes MIO liegt in einer versionierten Festlegung vor. Stand 2026-10-26 sind die relevanten Pässe fertig spezifiziert: der Impfpass in Version 1.1.0, der Mutterpass in Version 1.1.0 und das Kinderuntersuchungsheft in Version 1.0.1. Diese Versionsnummern sind kein Detail am Rande, sie entscheiden später, ob Ihr PVS und die ePA dieselbe Sprache sprechen.

Hier die Pässe im Überblick und für wen sie besonders relevant sind:

  • MIO Impfpass. Für Haus- und Kinderärzte, aber auch jede impfende Praxis. Bildet Impfungen mit Impfstoff, Chargennummer, Datum und impfrelevanten Erkrankungen strukturiert ab.
  • MIO Mutterpass. Für die Frauenarztpraxis. Digitale Entsprechung des Mutterpasses mit Befunden der Schwangerschaftsvorsorge.
  • MIO U-Heft (Kinderuntersuchungsheft). Für die Kinderarztpraxis. Bildet die Früherkennungsuntersuchungen U1 bis U9 und J1 ab, auf Basis der Kinder-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses.
  • MIO Zahnbonusheft. Für die Zahnarztpraxis, hier der Vollständigkeit halber genannt.

Quelle: KBV / mio42: MIO-Portal (mio.kbv.de)Versionierte MIO-Festlegungen, u. a. Impfpass 1.1.0, Mutterpass 1.1.0 und U-Heft 1.0.1. Stand: 2026-10-26.

Ehrlich eingeordnet: Was heute geht und was nicht

Das ist der wichtigste Abschnitt, auch wenn er die Erwartung dämpft. Stand 2026-10-26 lassen sich Impfpass, Mutterpass und U-Heft noch nicht flächendeckend über die ePA führen. Die MIOs sind spezifiziert, in den meisten Praxisverwaltungssystemen aber noch nicht umgesetzt. Die KBV selbst schreibt, dass diese Pässe vorerst weiterhin nur in Papierform zur Verfügung stehen.

Für den Impfpass gibt es bereits einen konkreten Fortschritt: Die mio42 GmbH und der Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) haben eine technische Lösung erarbeitet, wie sich das MIO Impfen in die Praxisverwaltungssysteme einbinden lässt. Die Spezifikation und der Weg ins PVS sind also da. Was fehlt, ist die breite Umsetzung durch die PVS-Hersteller, viele warten noch auf endgültige technische und rechtliche Vorgaben.

Als erstes produktiv nutzbares MIO kommt nicht einer der Pässe, sondern der Medikationsplan: Der digital gestützte Medikationsprozess der ePA wird um strukturierte Dosierangaben und Einnahmehinweise erweitert, geplant ab 2026. Für Mutterpass, Impfpass und Kinderuntersuchungsheft stehen laut gematik dagegen noch keine konkreten Termine der Einbindung fest.

Quelle: KBV: Fragen und Antworten zur ePAImpfausweis, Mutterpass und Kinder-Untersuchungsheft stehen vorerst weiterhin nur in Papierform zur Verfügung; das erste MIO (Medikationsplan) soll ab 2026 nutzbar sein.

Papierpass und MIO im Vergleich

Der Unterschied zwischen dem heutigen Papierpass und dem künftigen MIO ist nicht nur das Medium, sondern die Verwertbarkeit der Daten. Ein Papierpass ist bei Verlust weg und lässt sich nicht automatisch auswerten. Ein MIO liegt in der ePA, ist ortsunabhängig abrufbar und maschinenlesbar. Der Preis dafür sind neue PVS-Abläufe und die Abhängigkeit von der ePA-Nutzung.

Papierpass (heutiger Stand)MIO in der ePA (Zielbild)
Pro
  • Etabliert, vertraut, überall einsetzbar
  • Funktioniert ohne ePA und ohne Technik
  • Patient hat das Dokument physisch bei sich
Pro
  • Strukturiert, maschinenlesbar, durchsuchbar
  • Ortsunabhängig über die ePA abrufbar
  • Impfstatus, Erinnerungen und Chargen automatisch nutzbar
  • Einheitlicher Standard über alle Systeme
Contra
  • Geht verloren, wird vergessen oder unleserlich
  • Nicht maschinenlesbar, keine automatische Auswertung
  • Daten müssen pro Praxis neu abgetippt werden
  • Kein Impfstatus-Check, keine Chargen-Rückverfolgung
Contra
  • In den PVS noch nicht flächendeckend umgesetzt
  • Kein verbindlicher Termin für Impfpass, Mutterpass, U-Heft
  • Abhängig von der ePA-Nutzung des Patienten
  • Neue Abläufe und eHBA-Absicherung nötig

So bereiten Sie die Praxis heute schon vor

Auch wenn die MIO-Pässe noch nicht live sind, ist Abwarten die falsche Strategie. Entscheidend ist, dass die Daten, die später ins MIO wandern, heute schon sauber und strukturiert im PVS liegen. Dann wird die MIO-Anbindung eine Konfigurationsaufgabe und keine Datenbereinigung. Die folgenden Schritte legen dafür die Grundlage.

  1. Dokumentation strukturieren statt scannen
    Impfungen mit Impfstoff und vollständiger Chargennummer, Schwangerschafts- und Vorsorgebefunde in den strukturierten Modulen des PVS erfassen, nicht als Freitext oder eingescanntes Bild. Nur strukturierte Daten lassen sich später verlustfrei in ein MIO überführen.
  2. ePA-Anbindung und eHBA betriebsbereit halten
    Die ePA-Nutzung ist für die Praxis seit Oktober 2025 verpflichtend. Prüfen, dass ePA-Zugriff, elektronischer Heilberufsausweis (eHBA) und KIM zuverlässig laufen, denn über diese Grundlagen werden MIOs später gelesen und signiert geschrieben.
  3. PVS-Hersteller konkret nachfragen
    Beim PVS-Anbieter schriftlich klären, welche MIOs (Impfpass, Mutterpass, U-Heft) in welcher Version ab wann unterstützt werden. Die Antwort gehört in Ihre Planung, nicht das Werbeversprechen vom Messestand.
  4. Geräte- und Impfdaten per GDT medienbruchfrei einbinden
    Wo möglich, Mess- und Impfsoftware per GDT ans PVS koppeln, damit Werte und Chargennummern automatisch und fehlerfrei in die Akte kommen. Das ist die beste Ausgangslage für eine spätere MIO-Übergabe.
  5. Datenschutz und Zugriffsrechte sauber regeln
    Rollen- und Rechtekonzept, Protokollierung und das Verzeichnis der Verarbeitungstätigkeiten aktuell halten. MIOs enthalten besonders sensible Gesundheitsdaten, der Zugriff muss nachvollziehbar geregelt sein.

Was MIOs für die einzelnen Fachgruppen bedeuten

MIOs treffen jede Fachrichtung an der Stelle, an der sie heute am meisten Papier produziert. Für Kinderärzte sind es Impfpass und U-Heft, für Frauenärzte der Mutterpass, für Hausärzte vor allem der Impfpass und der Medikationsplan. Die Vorbereitung ist überall dieselbe: strukturiert dokumentieren und die TI-Grundlagen stabil halten.

In der Kinderarztpraxis fallen die meisten strukturierten Einträge an, Impfungen und zehn Früherkennungsuntersuchungen pro Kind. Hier lohnt sich strukturierte Dokumentation am stärksten. Wie Sie Impfmanagement und Vorsorge heute schon medienbruchfrei führen, zeigt der Beitrag IT für die Kinderarztpraxis.

In der Frauenarztpraxis ist der Mutterpass das Herzstück der Schwangerschaftsvorsorge. Sonografie- und CTG-Befunde gehören strukturiert und medienbruchfrei in die Akte, damit sie später ins MIO Mutterpass passen. Die Gerätethemen dazu behandelt IT für die Frauenarztpraxis.

Für Hausärzte laufen Impfpass und Medikationsplan zusammen. Der Medikationsplan ist das erste MIO, das 2026 produktiv wird, und hängt eng am Thema NFDM und eMP, das wir in NFDM und elektronischer Medikationsplan im Detail erklären.

Datenschutz: MIOs sind besonders sensible Daten

MIOs enthalten Gesundheitsdaten und damit besondere Kategorien personenbezogener Daten nach Artikel 9 DSGVO. Für die IT gelten dieselben Grundpflichten wie bei jeder ePA-Nutzung, mit erhöhter Sorgfalt bei Zugriffsrechten, Protokollierung und der Frage, wer welche Akte unter welcher Befugnis einsehen und befüllen darf.

Praktisch heißt das: ein durchdachtes Rollen- und Rechtekonzept im PVS, lückenlose Protokollierung der Zugriffe, verschlüsselte Übertragung über die Telematikinfrastruktur und ein aktuelles Verzeichnis der Verarbeitungstätigkeiten. Die Signatur mit dem eHBA stellt zusätzlich sicher, dass ein Eintrag einer identifizierbaren Ärztin oder einem Arzt zugeordnet bleibt. Die konkreten Pflichten haben wir in DSGVO in der Arztpraxis zusammengestellt.

Quelle: Verordnung (EU) 2016/679 (DSGVO)Verordnung (EU) 2016/679 (DSGVO), Artikel 9 zu besonderen Kategorien personenbezogener Daten.

Häufige Missverständnisse zu MIOs

Rund um MIOs kursieren drei Annahmen, die im Alltag für Enttäuschung oder Fehlplanung sorgen. Es lohnt, sie früh geradezurücken, bevor sie in eine Anschaffung oder eine Patientenkommunikation einfließen.

"Der digitale Impfpass ist doch längst da." Spezifiziert ja, flächendeckend nutzbar nein. Das MIO Impfpass liegt als Festlegung vor, die PVS-Umsetzung steht aber überwiegend noch aus. Wer Patienten heute verspricht, den Impfpass digital in der ePA zu führen, verspricht zu viel.

"MIO und eingescannter Pass sind dasselbe." Nein. Ein Scan ist ein Bild ohne verwertbare Struktur. Ein MIO ist ein maschinenlesbarer Datensatz. Nur das MIO erlaubt Impfstatus-Berechnung, Erinnerungen und Chargen-Rückverfolgung.

"Das regelt mein PVS-Update automatisch." Nur teilweise. Das Update bringt die MIO-Funktion, aber die Qualität der Altdaten entscheidet, wie viel Nacharbeit anfällt. Wer heute unstrukturiert dokumentiert, hat beim Umstieg die meiste Arbeit.

Wie ITCC bei MIOs und der ePA unterstützt

ITCC ist die externe IT-Abteilung für medizinische Einrichtungen in der Pfalz, der Region Rhein-Neckar und Rhein-Main. Bei MIOs übernehmen wir nicht die Fachentscheidung, welche Software Sie einsetzen, sondern die technischen Grundlagen, auf denen die MIO-Nutzung aufsetzt: eine stabile ePA-Anbindung, einen funktionierenden eHBA samt Komfortsignatur, saubere KIM- und PVS-Konfiguration und ein belastbares Berechtigungskonzept.

Im laufenden Betrieb behalten wir die Ablaufdaten von eHBA und SMC-B im Blick, koordinieren PVS-Updates und sorgen dafür, dass Ihre Impf-, Schwangerschafts- und Vorsorgedaten strukturiert vorliegen. Dann ist die Umstellung auf das MIO Impfpass, Mutterpass oder U-Heft später eine Konfigurationsaufgabe und keine Datenbereinigung. Weil hier noch vieles im Fluss ist, ordnen wir den Stand ehrlich ein, ohne Ihnen etwas zu verkaufen, das es produktiv noch nicht gibt.

Wenn Sie wissen wollen, wie fit Ihre Praxis für die nächste ePA-Ausbaustufe ist, oder wenn eine bestehende TI-Anbindung immer wieder stockt, sprechen Sie uns an. Wir schauen uns Ihre Infrastruktur an und sagen Ihnen ehrlich, was zu tun ist und was warten kann.

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